05.10.2009
Stresstest für die Familienbande
Die Betreuung von Krebspatienten durch Angehörige
Die Diagnose Krebs bedeutet nicht nur für die Betroffenen einen tiefen Einschnitt in das gewohnte Leben, auch deren familiäres Umfeld, Freunde und Bekannte stehen vor einer Herausforderung. Wer Krebskranken helfen will muss damit rechnen, dass neue Aufgaben, Verantwortung und Konflikte das gewohnte Leben vollkommen auf den Kopf stellen. Nicht immer wird diese Umstellung leicht zu ertragen sein und nicht immer werden die anstehenden Herausforderungen als positiv empfunden. Leichter fällt die Einstellung auf den neuen Alltag, wenn man sich gezielt darauf vorbereitet.
Natürlich gibt es keine allgemeinverbindlichen Rezepte zur Bewältigung dieser Situation. Krankheitsbilder, Therapien, persönliche Lebensumstände und viele weitere Faktoren sind viel zu individuell um über einen Kamm geschoren zu werden. Entsprechend ist darum keine Patentlösung möglich. Trotzdem kann man sich auf die kommenden Aufgaben vorbereiten.
Helfen und Hilfe annehmen
Sowohl die Krankheit an sich als auch deren Therapie kann dazu führen, dass die Betroffenen geschwächt und möglicherweise nicht mehr in der Lage sind alltägliche Arbeiten oder Erledigungen selber zu verrichten. In diesen Fällen sind die Patienten etwa auf Hilfe und Unterstützung im Haushalt, bei der Körperpflege oder dem Transport zur Therapiestätte angewiesen.
Es ist ganz natürlich, dass die nächsten Angehörigen versuchen diese Lücke durch persönlichen Einsatz zu kompensieren: das soziale Netz beginnt immer in der nächsten Umgebung und die seine ersten Maschen sind das, was eine Familie ausmacht. Die Fürsorge und Pflege der Angehörigen ist deshalb nicht nur für die Betroffenen wichtig, sondern Voraussetzung für das Funktionieren des solidarischen Miteinanders einer Gesellschaft.
Aber die Aufopferung muss Grenzen kennen. Von Anfang an. Es ist wichtig, dass Sie die Hilfe so organisieren, dass Sie Ihren eigenen Aufgaben und Verpflichtungen weiterhin in einem genügenden Umfang nachkommen können. Respektieren Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten nicht, werden Sie früher oder später überfordert sein. Wer überfordert ist erreicht genau das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war: entweder wird der kranke Mensch ungenügend versorgt oder das eigene Leben gerät aus den Fugen. Oder beides.
Bevor Sie also Ihre eigenen Kräfte überziehen und am Ende nicht nur entkräftet und psychisch angeschlagen da stehen, sollten Sie gleich zu Beginn abklären, wie Sie die anstehenden Aufgaben auf möglichst viele Schultern verteilen können. Etwa indem Sie sich möglichst rasch nach Kenntnisnahme der Diagnose bei der Krankenkasse des Patienten, ob ein Anspruch auf Haushaltshilfe, Pflegehilfe und/oder Krankenhaustransport besteht.
Wer ein (neues) Gleichgewicht sucht, muss zuerst die Interessen austariert
Eine schwere Krankheit wie Krebs und die damit einher gehenden Einschränkungen führt zwangsläufig zu einer Neudefinition von Rollen in einer Familie oder einer Partnerschaft und zu neuen Aufgabenverteilungen. Gerade im Falle von erwachsenen Kindern, welche ihre Eltern pflegen müssen, wird diese Neuverteilung deutlich. Aber auch in Partnerschaften müssen die Beteiligten lernen mit Verschiebungen von Aufgaben und Gleichgewichten umzugehen, damit mit der neuen Rollenverteilung sowohl der/die Kranke als auch deren Angehörige zu ihrem Recht kommen.
Solche Umbrüche verlaufen selten reibungslos. Kein Wunder, ist die Überforderung doch allgegenwärtig: Männer die sich plötzlich vermehrt um den Haushalt zu kümmern haben und es dabei den routinierten Frauen scheinbar nicht wirklich Recht machen können. Frauen, von denen nun plötzlich erwartet wird stark zu sein, den Partner zu stützen und ihn (finanziell) zu unterhalten. Kranke welche sich überflüssig und wertlos vorkommen und welche geplagt werden von Ängsten und den gewünschten bzw. unerwünschten Wirkungen der Therapie. Angehörige, welche nicht nur den neuen Alltag nicht mehr unter einen Hut bekommen, sondern gleichzeitig mit Verlust- und Versagerängsten zu kämpfen haben. Einen besseren Nährboden für Frust, Spannungen und Konfliktpotential kann man sich kaum vorstellen.
Das Zauberwort zur Vermeidung von Spannungen heißt Toleranz. Seien Sie offen, zeigen Sie Kompromissbereitschaft und akzeptieren Sie, dass sich das Leben verändert hat und nichts mehr nach den alten Maßstäben zu beurteilen ist.
Angehörige tun gut daran nicht einfach über die zu pflegende Person zu bestimmen, sondern sich Ihre Wünsche und Ratschläge anzuhören und diese wo möglich aufzugreifen. Auch wenn es eine Weile dauert, bis man sich auf die Stimmungen des Erkrankten eingestellt hat und seine Reaktionen richtig deuten kann, irgend wann findet man sich in der neuen Rolle zurecht. Dann wird man auch in der Lage sein zu spüren, ob eine abweisende Haltung des Patienten auf eine Unzufriedenheit zurück zu führen ist oder einfach nur auf das Bedürfnis nach Ruhe und Privatsphäre. Bis sich dieses Gespür herausgebildet hat, sollte man vom Positiven ausgehen, das schont die Nerven und hilft Konflikte zu vermeiden.
Respekt vor den eigenen Grenzen
Akzeptieren Sie, dass auch Sie natürliche Grenzen haben die Sie nicht überschreiten sollten. Dazu zählt auch, dass Sie sich regelmäßige Pausen gönnen sollten und/oder Hilfe in Anspruch nehmen. Dazu zählt auch die Bereitschaft Unterstützung für Geist und Seele anzunehmen. Familie, Freunde, Priester und Pfarrer, Seelsorger, Selbsthilfegruppen und Fachpersonal aus der Psychoonkologie stehen Ihnen bei der seelischen Verarbeitung des neuen Alltags zur Verfügung.
Unter dem folgenden Link finden Sie eine Übersicht über bestehende Selbsthilfegruppen, ihre Adressen und viele weitere Informationen zu Selbsthilfegruppen in Deutschland, Österreich und Schweiz.
Diese Website wird von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. zur Verfügung gestellt. Diese arbeitet mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG), sowie mit den Spitzenverbänden der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nach § 20 c SGB V und der Deutschen Rentenversicherung zusammen.
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