01.11.2009
Deflation? Inflation? Zwei Parallelwelten auf Kollisionskurs.
In diesen Tagen erreichte uns die Nachricht, der Deutsche Einzelhandel hätte die elfte Preissenkungsrunde in diesem Jahr erlebt. Die Verbraucher können sich also auf breiter Front über sinkende Lebensmittelpreise freuen. Sinkende Preise? Haben die Auguren und Weltuntergangstheoretiker nicht noch vor wenigen Wochen das Gespenst einer drohenden Inflation beschworen und im gleichen Zuge den Untergang des Währungssystems prophezeit? Haben seither nicht Zehntausende Menschen zu Gold, dem offenbar einzig verbliebenen Schutz vor der unvermeidlichen Geldentwertung, gegriffen? Ist darauf nicht der Preis des gelben Metalls auf neue Höchststände gestiegen?
Wer meine Finanzkolumne kennt, der weiß, dass ich in der Vergangenheit ebenfalls davor gewarnt habe, dass das dicke Ende einer verantwortungslosen Finanz- und Geldwirtschaft in Form einer massiven Geldentwertung auf uns zukommen werde. Trotz eines negativen Konsumentenpreisindex gibt es keinen Anlass von dieser Behauptung abzurücken. Tatsache ist, dass wir seit Jahrzehnten deutlich mehr Geld in Umlauf bringen, wie Werte produziert werden. Tatsache ist auch, dass diese Differenz noch nie in der modernen Wirtschaftsgeschichte so groß war wie aktuell. Weltweit soll das Wachstum der Geldmenge, das Wirtschaftswachstum um satte 28% übersteigen! Jeder einzelne Euro, der zu viel in Umlauf gebracht wird, verwässert den Wert der bereits vorhandenen Scheine. Offenbar haben wir also bereits seit vielen Jahren ein massives Inflationsproblem, sehen es aber nicht. Warum? Grob gesagt gibt es dafür drei gute Gründe.
1. die Messmethode
Die gängige Methode Inflation zu messen besteht darin, den Preis eines willkürlich gewählten Warenkorbs zu beobachten. Dieser stellt einerseits nur einen klitzekleinen Teil des Wirtschaftslebens dar und ist andererseits einer politischen Gestaltungsfreiheit unterworden. Will heißen, dass dieser Warenkorb jeweils so zusammengesetzt und berechnet wird, wie es den aktuellen Entscheidungsträgern gerade recht ist.
2. Produktionsausweitung
In vielen Bereichen des täglichen Bedarfs ist die weltweite Produktionskapazität in Folge der Globalisierung stark gestiegen. Diese Überkapazitäten, gepaart mit Produktionskosten, welche nur durch sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse realisierbar sind, haben die Preise tief gehalten.
3. Vertrauen, mangels Durchblick
Der Wert einer Währung hängt nicht alleine vom Verhältnis zwischen vorhandenem Geld und verfügbaren Wirtschaftsgütern ab. Mindestens so entscheidend ist das Vertrauen der Menschen, dass das Zahlungsverspechen „Geld" auch wirklich eingelöst werden kann. Dieses Vertrauen ist – im Prinzip zumindest – bei den meisten Menschen immer noch vorhanden.
Praxis widerlegt die Theorie
Insgesamt ist das Umfeld für den offenen Ausbruch der Inflation also im Moment eher ungünstig. Trotzdem bleibt das Zuviel an Geld nicht ohne Wirkung. Der relative Wertzerfall des Geldes findet allerdings nicht bei den (indexrelevanten) Grundbedürfnissen statt, sondern im Bereich der Luxus- und Anlagegüter, wo sich die Preise zum Teil explosionsartig verteuert haben.
Der Grund hierzu ist einfach erklärt: Otto-Normalverbraucher musste in den zurückliegenden Jahren zum Teil massive Einkommensverluste hinnehmen. Offene Preiserhöhungen lassen sich deshalb in diesen Bereichen im Moment gar nicht durchsetzen. Versteckte allerdings sehr wohl. Wie das geht, sieht man am Beispiel der Milch, wo die Produzentenpreise deutlich stärker gefallen sind wie der Verkaufspreis an der Ladentheke.
Im Gegensatz dazu das Marktsegment der Besserverdiener. Deren Anteil am Volkseinkommen ist inzwischen derart pervertiert, dass eine wirtschaftliche Verwendung des Geldes gar nicht mehr möglich ist. Die Folge: der Überschuss an flüssigem Geld treibt die Preise für die verbliebenen Anlagemöglichkeiten. Entsprechend sahen wir in den letzten Jahren den Bereichen Immobilien, Aktien, Kunst, Schmuck, Verbrauchsgüter der Luxusklasse, etc. Preise ohne jede rationale Basis.
Das Nebeneinander von Deflation und Inflation funktioniert also sehr wohl. Voraussetzung dafür sind allerdings abgeschottete Märkte, was bei den auseinanderdriftenden Gesellschaftsgruppen zweifellos der Fall ist.
Wehe, wenn die Lawine losgetreten!
Gefährlich wird die Entwicklung dann, wenn allen Marktteilnehmern bewusst wird, dass die praktizierte Geldwirtschaft ein Schmu, das versprochene Zahlungsversprechen nicht eingehalten werden kann. Das könnte etwa dann der Fall sein, wenn der Staat das Spiel mit den Schulden übertreibt und zur Vermeidung der Zahlungsunfähigkeit seine Schulden kontrolliert weginflationieren will.
Alleine dieser Vorgang wäre bereits ein Betrug am einfachen Bürger, welcher sich dieser indirekten Steuer nicht entziehen kann. Geradezu kriminell wird es allerdings, wenn der emotionale Faktor ins Spiel kommt und das aktuell noch herrschende Vertrauen in ein Misstrauen umschlägt. Spätestens dann wird die Geschichte nämlich eine Eigendynamik erreichen, welche nicht mehr zu kontrollieren ist. Generell gilt: je komplexer ein Problem, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Politik es kontrollieren kann. Das Spiel mit der Inflation, welches nicht nur von der US Administration gespielt wird, sondern auch von den Briten, den Franzosen und den Neukoalitionären der Bundesregierung ist extrem gefährlich. Zeitpunkt und Ausmaß der drohenden Katastrophe mögen noch offen sein, die Opfer lassen sich jedoch bereits heute benennen: Rentner, Versicherte, Sparer, einfache Leute.
Wenn Sie Fragen zum Thema Inflation und Inflationsschutz haben, können Sie mir diese direkt unter finanzredaktion(at)altersportal.de stellen. Ansonsten freue ich mich, wenn Sie das Thema mit mir auf einem Blogg www.finanzredaktion.wordpress.com diskutieren wollen.
Ihr Sidney Batt
Finanzplaner mit eidg. FA (FH)
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