16.11.2009
Kauft, kauft, kauft!
In den vergangenen 8 Monaten haben sich die Aktienbörsen weltweit derart überbordend gut performed, dass es eigentlich nur eine Antwort auf diese Entwicklung geben kann: kaufen, kaufen, kaufen!!
Seit Wochen warne ich vor einer Überhitzung an der Börse. Meine Argumente: die Gewinne haben keine Substanz, die Wirtschaft wird in absehbarer Zeit von der Kreditkrise auf Betriebsebene eingeholt, die „Erholung“ der Wirtschaft basiert alleine auf staatlichen Eingriffen, wichtigen Schlüsselindustrien fehlt die Nachfrage, alle Unternehmen mit denen ich persönlich zu tun habe sind verunsichert und fahren auf Sicht. Irgend wann wird uns dieser – wie Alan Greenspan das sagen würde – irrationale Überschwang einholen. Anders ausgedrückt: die Börse wird wieder korrigieren.
Das Dumme an solchen Korrekturen ist, dass man sie zwar materiell voraussagen, sie aber zeitlich nicht lokalisieren kann. Die Aussage, irgend wann wird eine Kurskorrektur eintreffen, ist deshalb als solches ziemlich wertlos. Hingegen ist die Feststellung, dass sich ein Trend kurzfristig fortsetzen wird, eine Aussage mit welcher man etwas anfangen kann. Zumindest wenn man spekulativ unterwegs ist.
Eine solche Marktsituation haben wir im Moment. Das Jahr ist beinahe um. In wenigen Wochen entscheidet sich, ob ein Portfolio im Vergleich zum Markt gut oder weniger gut abgeschnitten hat. Genau dieser Umstand wird dazu führen, dass wir eine wahre Endjahresrallye erleben werden.
Viele Fondsmanager und Vermögensverwalter wurden durch den rasanten und fundamental auf wackligen Füssen stehenden Aufschwung der Aktien auf dem falschen Bein erwischt. Nun liegen sie mit ihrer Performance weit zurück, was nicht nur ihren satten Jahresbonus gefährdet, sondern ihre Daseinsberechtigung an sich. Mit anderen Worten: viele, wahrscheinlich sogar die Mehrheit der Marktteilnehmer sitzt auf glühenden Kohlen in Form von liquiden Mitteln und fürchtet sich davor am Ende des Jahres unangenehme Fragen über sich ergehen lassen zu müssen. Und weil am Ende selten das Kundeninteresse im Vordergrund steht, sondern das Eigeninteresse vorangestellt wird, werden in den nächsten Wochen Unsummen in den Markt gepumpt um zu retten, was noch zu retten ist.
Die Chancen stehen aktuell sehr gut!
Alleine dieser Effekt wird dazu führen, dass in den kommenden Wochen ein Einbruch an den Börsen sehr, sehr unwahrscheinlich ist. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass durch dieses an sich unverantwortliche Handeln die liquiditätsgetriebene Hausse an den Handelsplätzen rund um die Welt weiter angeheizt wird. Wer spekulieren mag, der ist nicht schlecht beraten wenn er dies zum jetzigen Zeitpunkt tut. Zu Beginn des neuen Jahres, wenn der Vergleichsdruck weg ist, wird sich weisen wie gross die Investitionsnot der Anleger tatsächlich ist. Dann würde ich meine Hand nicht mehr dafür ins Feuer legen, dass diese Spekulationsblase von Dauer ist.
Das nahezu „sichere“ Spekulieren hat allerdings einen kleinen Haken. Der zurückliegende Boom hat gezeigt, dass die Entwicklung nicht auf breiter Front erfolgt ist, sondern sehr selektiv. Ausgerechnet jene Werte, von denen man vor einem halben Jahr noch gedacht hätte, wenn es schon zu einer Erholung am Aktienmarkt kommen würde, dann seien sie die Nutzniesser (Versorger, Ernährung, Pharma), waren nicht unter den Gewinnern. Zumindest nicht annähernd im Ausmaß der Kurssteigerung der anderen Branchen.
Ramsch ist der größte Renner zur Zeit
Genauer betrachtet waren in den letzten 6 Monaten ausgerechnet jene Papiere und Anlagen gefragt, auf welche noch vor einem Jahr kein Mensch gesetzt hätte. Diese Aussage gilt nicht nur für Aktien, sondern für nahezu alle Assetklassen. Das hat einen guten Grund: Treiber der Hausse waren Spekulanten, welche ihre finanziellen Mittel (indirekt) vom Staat für lau bekommen haben. Diese Menschen sind nicht an wahren Werten, sondern nur an kurzfristigen Gewinnen interessiert. Damit diese möglichst hoch ausfallen, stürzen sie sich in der Regel auf unterbewerteten Ramsch, weil dort die Differenz zwischen Kaufpreis heute und möglichem Verkaufspreis in der Zukunft am größten ist. Mit Investition hat das nichts zu tun, sondern nur mit reiner Spekulation.
Es ist deshalb wohl ziemlich schwierig vorherzusagen, welche Aktie oder welche Strategie nun besonders geeignet wäre, um vom sich abzeichnenden Endjahresgeschäft zu profitieren. Persönlich mag ich mich an diesen Spekulationen auch nicht beteiligen. Meine Erfahrung – vor allem aber die statistische Betrachtung – zeigt, dass die Chance mit Spekulationen ein Vermögen zu machen ziemlich klein sind, weil am Ende das Verhältnis zwischen Verlierern und Gewinnern konstant ist. Für jene, welche glauben den Markt schlagen zu können, habe ich nur ein müdes Lächeln übrig. Sicher, es gibt sie die grossen Gewinner, aber die gibt es auch im Lotto. Erfolg mit Spekulation ist am Ende reiner Zufall. Wer glaubt diesen Zufall ausschalten zu können, der steht fast sicher auf der Seite der Verlierer, weil er das Risiko nicht richtig einschätzen kann.
Fazit: obwohl ich denke, dass ein rascher Einbruch an der Börse unwahrscheinlich ist, die Indices sogar noch weiter nach oben getrieben werden, glaube ich immer noch nicht daran, dass aus finanzplanerischer Sicht ein Einstieg zum heutigen Zeitpunkt angezeigt ist. Zur Zeit machen Sie mit Cash zwar keine Gewinne, aber sie schlafen gut und sind bereit, wenn es darum geht antizyklisch in die Beteiligungspapiere zu investieren. Geduld bringt Rosen!
Wenn Sie Fragen zum Thema Inflation und Inflationsschutz haben, können Sie mir diese direkt unter finanzredaktion(at)altersportal.de stellen. Ansonsten freue ich mich, wenn Sie das Thema mit mir auf einem Blogg www.finanzredaktion.wordpress.com diskutieren wollen.
Ihr Sidney Batt
Finanzplaner mit eidg. FA (FH)
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